Stadtteil Krombach

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Einheitliche Stellungnahme zur 47. Änderung des wirksamen Flächennutzungsplanes im Stadtteil Krombach sowie zum Bebauungsplan Nr. 102 „ Hagener Straße/Lange Wiese, Stadtteil Krombach

Ihr Zeichen: 61.26.01/07-Km/61.26.01/07-km                                 Z: Landesbüro: SI-349/17

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Frau Kramer,

mit der 47.Änderung des Flächennutzungsplanes beabsichtigt die Stadt Kreuztal den oben genannten Planungsbereich für eine Bebauung freizugeben. Diese Nutzungsänderung bewirkt allerdings erhebliche Eingriffe in Ökologie des Gebietes und ist daher kritisch zu beurteilen. Zu befürchten sind einige bedeutsame Verschlechterungen im Natur -, Umwelt- und Bodenschutz des Gebietes, die wir in unserer Stellungnahme zur Vorabwägung vom 2.10.2017 schon aufgeführt hatten.
Die obenangegebenen vorliegenden Planänderungen im Kreuztaler Stadtteil Krombach  entsprechen nicht dem im Landschaftsplan Kreuztal dort vorgesehenen Entwicklungsziel „Erhaltung der Landschaft“.
Das zur Beanspruchung gewünschte Gebiet ist Teil des Landschaftsschutzgebietes mit geschützten Landschaftsbestandteilen. Von dem rd. 8695 qm großen Gebiet sollen 5769 qm als Gemeinbedarfs- und Gewerbenutzungsflächen vorgesehen werden, es werden somit ca. 2/3 der noch unbebauten Fläche beansprucht. Etwa 5700 qm Wiesenfläche incl. einer Teilfläche eines schützten Biotops gehen direkt verloren. Hier will der Vorhabenträger eine Befreiung von den Verboten des § 30 Abs. 2 BNatSchG) beantragen. Ein Schutzziel erfüllt aber nur dann die vorgesehene Funktion wenn es auch eingehalten wird.

1. Hochwasserschutz

Durch die geplante Bebauung kommt es zu großflächigen Versiegelungsmaßnahmen der bisher noch offenen Wiesenfläche. Es werden dabei Bauflächen in der Größenordnung von 5769 qm angegeben, die zu 60 %, ca. 3461 qm, vollständig versiegelt werden, zusätzlich entfallen 1154 qm auf zu befestigende Stellflächen etc. Leider werden mögliche Minimierungsmaßnahmen wie großflächige Dachbegrünung nur als Kann-Bestimmung in die Planänderung aufgenommen. Die Erfahrung zeigt, dass diese Kann-Bestimmungen von den Investoren fast nie eingehalten werden ( jüngstes Beispiel Kredenbacher EKZ ). Nur wenn zwingend eine Dachbegrünung vorgeschrieben wird, kommt sie auch zur Ausführung und entfaltet positive Umweltwirkung. Aus Hochwasserschutzgründen ist die geplante ökologische Aufwertung und Bepflanzung des  namenlosen Gewässergrabens zu begrüßen, im Hinblick auf Artenschutzmaßnahmen ( siehe unten ) aber kritisch zu hinterfragen.

2. Verlust von Lebensraum/ Einschränkung des Artenschutz

2/3 der Planfläche werden größtenteils als  Lebensraum heimischer Arten verloren gehen, die in den Planunterlagen erwähnten zwischenzeitlich durch Maßnahmen  angeblich erzielten Erhöhungen der Artenvielfalt können das nicht ausgleichen. „Die  Artenvielfalt wurde stellenweise gezielt erhöht…“.Leider wird diese Aussage im Vorabwägungsergebnis mit  Zahlen nicht belegt und ist daher anzuzweifeln.
Für die in unserer STN vom 2.10.2017 geforderten artenschutzrechtlichen Untersuchungen liegen mittlerweile Ergebnisse vor, die unsere Annahme zum Vorkommen des Dunklen Wiesenknopf Ameisenbläulings bestätigen. Sie ist eine streng geschützte FFH Anhang IV Art.
Diese einstmals in NRW häufig vorkommende Schmetterlingsart ist mittlerweile stark bedroht und der Erhaltungszustand ihrer Population wird mit „schlecht“ bewertet. Jeder jetzt noch existierende Populationsstandort, zumal der Krombacher auch noch recht kleinräumig ist,  ist für die Erhaltung der Art  daher sehr bedeutsam und besonders streng zu schützen.
Dies ist gesetzlich entsprechend geregelt .Die vorgesehene Baumaßnahme verstößt daher gegen das Zugriffsverbot § 44 BNatSchG und ist aus diesem Grund klar abzulehnen. Eine Ausnahme nach § 45 Abs. 7 BNatSchG ist nicht gegeben, der Ameisenbläuling findet sich lt. Lanuv in NRW in einem ungünstigen Erhaltungszustand. Als Kompensation gegen den Verstoß § 44 BNatSchG schlägt der Vorhabenträger CEF Maßnahmen zum Ausgleich vor.
Die bereits  im Jahr 2018 begonnene CEF Maßnahme ist sehr kritisch zu betrachten und garantiert keineswegs den Erhalt der Population in diesem Gebiet. Wäre eine Umsiedlung so einfach wie angedacht, ließe sich der Erhaltungszustand dieser Art in NRW relativ schnell verbessern. Die bisher in NRW durchgeführten Maßnahmen sind  leider keineswegs so erfolgreich verlaufen wie gewünscht. Die bisher in NRW durchgeführten CEF Maßnahmen zur Um-/Ansiedlung von Wiesenknopf- Ameisenbläulingen wurden vom Umweltministerium nur als wenig erfolgreich (mittel ) eingestuft. Mittel bedeutet lt. Leitfaden LANUV zwar eine positive Experteneinschätzung, mit der Einschränkung von Kenntnisdefiziten zu den artspezifischen Ansprüchen. Wirksamkeitsbelege sind zudem nicht vorhanden oder widersprüchlich“. ( Leitfaden LANUV „ Wirksamkeit von Artenschutzmaßnahmen S. 19 )
Nach Experteneinschätzung sind die Populationen des Dunklen Wiesenknopf Ameisenbläuling in NRW insgesamt so klein, dass hohe Erfolgsrisiken bei CEF Maßnahmen bestehen. Eine  CEF Einstufung als „geeignet“ erhalten nur solche Maßnahmen, deren Prognosesicherheit mindestens als „ hoch“ gilt.Leitfaden S. 20
Eine vorgezogene Ausgleichsmaßnahme ist  daher nur dann wirksam wenn die betreffende Art die Lebensstätte nachweislich angenommen hat. Lt. LANUV wird  für eine solche Bewertung eine Maßnahmedauer von mindestens 5 Jahren angegeben.
„Für die Etablierung ausreichend dichter Wiesenknopfbestände sind auf entsprechenden Standorten mehr als 5 Jahre anzusetzen. Einschließlich der Besiedlungszeit durch die Falter ist eine Entwicklungszeit von mind. 5 – 10 Jahren erforderlich
Bevor man den Ausnahmetatbestand nach § 45 Absatz 7 BNatSchG akzeptieren kann, muss der Erfolg der Maßnahme hinreichend belegt werden. Ein Wirksamkeitsnachweis muss  vorliegen bevor mit dem zugehörigen Vorhaben begonnen werden kann. Die Wirksamkeit einer solchen Maßnahme ist aber aufgrund der räumlichen Nähe der noch vorhandenen Population nur erkennbar, wenn sich an den auf den neuen Standorten befindlichen Wiesenknöpfen eine Eiablage nachweisen lässt und sich die Anzahl der Ameisenbläulinge in den Folgejahren vor dem Eingriff spürbar vergrößert.
Ob diese CEF Maßnahme tatsächlich erfolgreich sein wird hängt von vielen Wirkfaktoren vor Ort zusammen.
Der Grund dürfte in dem komplizierten Entwicklungszyklus des Bläulings begründet sein. Der Dunkle Wiesenknopf Ameisenbläuling benötigt für seine Existenz Bestände des Großen Wiesenknopfes ( Sanguisorba officinalis) als Futterpflanze  und zur Eiablage wie auch eine ausreichende Anzahl Nester der Roten Knotenameise ( Myrmica rubra) in deren Brutkammer nach heutigem Kenntnisstand die Larve des Bläulings sich entwickelt, überwintert und verpuppt.
Eine ausreichende Nestdichte der roten Knotenameise ist, neben den Vorkommen des Wiesenknopfes also Bedingung für die Erhaltung der Population. Sie leben überwiegend in Hochstaudenfluren, Brachen und Röhrichten. An den Standorten  des Wiesenknopfes welche zum Gedeihen regelmäßige extensive  Mahd benötigen,  verdrängen konkurrenzstarke, an die Mahd angepasste andere Ameisenarten die Knotenameise. Erfolgreiche Kontaktzonen für den Ameisenbläuling sind daher hauptsächlich die Grenzbereiche zwischen Mähflächen und Brachen wie z.B. an Gräben mit Röhrichtgewächsen. Ein solcher Graben verläuft momentan noch durch die Feuchtwiese und ist bewachsen mit Mädesüß ( Filipendula ulmaria) und schmalblättrigem Rohrkolben ( Thypha angustifolia). Es ist davon auszugehen das dieser Grabenbereich ein ideales Biotop für die Roten Knotenameise darstellt. Der vorhandene Graben verläuft momentan durch das geplante zu bebauende Gewerbegebiet und soll aber an den nördlichen Grundstücksrand verlegt werden. Der Graben durchzieht momentan noch einen ca. 30 m breiten Feuchtwiesenbereich und bietet viele Kontaktzonen. Die Verlegung an den nördlichen Rand verengt den gesamten  Bereich auf weniger als 10 m. Die geplante Maßnahme der ökologischen Aufwertung des Baches mittels Gehölzen wird das Vorkommen der Roten Knotenameise negativ beeinflußen. „ In stark durch Gehölze verschatteten Biotopen wird die Rote Knotenameise durch andere Ameisenarten verdrängt.“
( M.Sorg Natur in NRW 4/08, S. 38)
Zusätzlich wird eine weitere mögliche Kontaktzone zwischen der Hochstaudenflur (5.1) und der gut ausgeprägten Feuchtwiese (3.6) verkleinert, außerdem soll der gesetzlich geschützte Biotoptyp Hochstaudenflur um ca. 1/4 verkleinert werden. Nach Süden angrenzend an die Hochstaudenflur beginnt das Gewerbegebiet, das zudem durch Aufschüttung etc. eine Veränderung des Wasserhaushaltes bewirken wird. Dies kann sich auf die herrschende Vegetation der Hochstaudenflur auswirken und sie verändern.
Es ist daher stark anzuzweifeln ob die begonnene CEF Maßnahme wirklich langfristig erfolgreich sein wird. Das einmalige Auflaufen von ausgebrachtem Saatgut des Wiesenknopfs garantiert keineswegs das periodische Wiedererscheinen des Wiesenknopfes.
Die vom Lanuv geforderten Qualtitätsanforderungen zur Ausbringung von Futterpflanzen, geben vor das als Ausgangsmaterial für die Vermehrung von vor Ort  vorhandenen Pflanzen ( autochton) genommen werden soll. Der Vorhabenträger verwendete bei der begonnenen CEF Maßnahme stattdessen Regio-Saatgut, ohne den genauen Entnahmeort zu benennen. Erst nach einigen Jahren wird man erkennen können ob die Standortbedingungen für eine Wiesenknopfpopulation  dauerhaft ausreichend sind.
Fazit.: Die Erfolgsaussichten für die CEF Maßnahme sind nach heutigem Kenntnisstand als gering einzusehen, vom Totalverlust der Population des Dunklen Wiesenknopf Ameisenbläulings in diesem Gebiet ist bei Realisierung der Baumaßnahmen auszugehen..

3. Beeinträchtigung des Landschaftsbildes

Die geplante Baumaßnahme beeinträchtigt im hohen Maße das Landschaftsbild. Da das Landschaftsschutzgebiet bisher noch bis an die durch den Ortskern führende Bundesstraße B517 reicht, ermöglicht es einen offenen Blick auf die Naturlandschaft. Zur Begründung von Ausweisung von Landschaftsschutzgebieten heißt es im Landschaftsplan Kreuztal:. „Die strukturelle Vielfalt und landschaftliche Schönheit des Landschaftsplangebiets wird insbesondere durch die zahlreichen extensiv landwirtschaftlich genutzten Fluss- und Bachtäler bestimmt. Gerade die offenen Bachtäler tragen ganz wesentlich zum hohen ästhetischen Wert der Landschaft bei.“
Diese Zielsetzung wird durch die straßenseitig geplante durchgehende Gewerbe Bebauung klar verfehlt, auch wenn die Geschosshöhen eingeschränkt wurden.

4.. Verschlechterung der Stadtklimatischen Funktion

„Innerstädtische Grünzüge mit Wiesen-Gehölz oder Wasserflächen weisen gegenüber dicht bebauten Flächen erheblich geringere Temperaturen auf und sorgen für Kaltluftentstehung, Luftaustausch und Luftverunreinigungen. Die über Wiesen und Wäldern entstehende Kaltluft strömt über Freiraumkorridore in die Städte und sorgt so für Frischluftzufuhr in den Siedlungsbereichen. Voraussetzung hierfür ist die Freihaltung dieser klimatisch wirksamen Flächen von Bebauung.“ ( Hb. Verbandsbeteiligung NRW s. 37)  Statt Lückenschluss sollte die Planbehörde aus dem vorgenannten Grund Frischluftschneisen höhere Bedeutung beimessen. Gerade weil bisher schon durch ein Wohnhaus etc. die Schneise eingeschränkt ist, sollte diese nicht noch mehr verkleinert werden.

5. Verlust von landwirtschaftlich nutzbaren Boden

Die vorgesehene Fläche wird momentan größtenteils als Grünland genutzt. Mit der Bebauung geht wieder eine landwirtschaftlich nutzbare Fläche unwiederbringlich verloren und schränkt die Nahrungsnutzungsmöglichkeiten künftiger Generationen weiter ein.
Gerade der sehr trockene Sommer hat gezeigt wie schnell Futtermittelknappheit aufgrund Wassermangel auftreten kann. In solchen Fällen können zukünftig gerade die feuchten Wiesen der heimischen Region eine wichtige Pufferfunktion erfüllen

Fazit:
Aus den oben genannten Gründen kann die geplante Flächennutzungsänderung aus Naturschutzsicht nicht  akzeptiert werden.

Hilchenbach, den 23.1.2019

Wolfgang Weber-Barteit